Stipendienspenden

Nach fünf Jahren Engagement gegen pauschale Stipendien und nach fast 70.000 Euro Spenden für gemeinnützige Zwecke stellt die stipendiatische Initiative Stipendienspenden ihre Arbeit ein. Uns ist es gelungen, innerhalb der Begabtenförderwerke und darüber hinaus eine Debatte um die Ziele von Stipendien anzustoßen und weiterzutragen. Wir haben betont, dass Stipendien den Zweck haben, Chancengleichheit im Bildungssystem zu unterstützen. Deshalb haben wir uns gegen eine pauschale Begabtenförderung gewehrt, die blind für existierende sozio-ökonomische Ungleichheit ist und so dazu führt, diese zu verfestigen. Als Stipendiatinnen und Stipendiaten haben wir symbolisch unser nicht benötigtes Geld aus der Pauschalförderung an Projekte gespendet, die sich der Chancengleichheit im Bildungssystem verschrieben haben. Damit haben wir viel bewegt, auch wenn es uns nicht gelungen ist, die Ausweitung der pauschalen Förderung aufzuhalten.

 

Hintergrund

Bis 2010 waren die Stipendien der großen Begabtenförderwerke in Deutschland am BAföG orientiert, das heißt: Wer wohlhabende Eltern hatte oder selbst genug Geld zur Verfügung, bekam keine finanzielle Förderung. Das Stipendium wurde nach Bedarf gezahlt. Nur 80 Euro im Monat – das so genannte Büchergeld – gab es für Stipendiatinnen und Stipendiaten pauschal zusätzlich. Dann führte die Bundesregierung das Deutschlandstipendium ein: 300 Euro im Monat pauschal, ohne Bedarfsprüfung. Das war aus unserer Sicht eine Fehlentwicklung im deutschen Fördersystem. Wir meinen, dass Stipendien keine Leistungsprämien sein sollten, sondern Mittel, um Chancengleichheit im Bildungssystem zu unterstützen, das heißt: diejenigen zu fördern, die begabt sind, aber finanziell selbst nicht in der Lage sind, ein Studium zu stemmen. Leider ist das im derzeitigen Fördersystem nicht der Fall, da immer noch mehr Stipendiaten aus Familien kommen, die in Bezug auf Bildungshintergrund und finanzielle Mittel besser gestellt sind als der Durchschnitt der Studierenden (siehe z.B. http://www.zeit.de/2009/40/C-Begabtenfoerderung ; http://www.studienstiftung.de/pool/sdv/public/documents/SERVICE/Publikationen/Zweite_Sozialerhebung_Studienstiftung.pdf , S. 21-24 ).

Das Büchergeld wurde nicht zuletzt auf Bestreben der Förderwerke hin zuerst von 80 auf 150 Euro, dann auf 300 Euro erhöht, um mit der Pauschalförderung des Deutschlandstipendiums gleichzuziehen. Schließlich wurde es in „Studienkostenpauschale“ umbenannt – eine Bezeichnung, die wohl dem Umstand Rechnung trägt, dass kaum jemand 300 Euro im Monat für Bücher ausgibt. Der Begriff „Studienkostenpauschale“ lässt unbenannt, welche Kosten damit gedeckt werden sollen. Auch wird nirgends ausreichend erklärt, warum Stipendiatinnen und Stipendiaten mehr „Studienkosten“ haben sollten als Studierende, die kein Stipendium erhalten. Solange das nicht überzeugend begründet werden kann, sollte eine Anpassung über den BAföG-Satz geschehen und nicht über die „Studienkostenpauschale“. Ein Stipendium bietet auch ohne eine „Studienkostenpauschale“ von 300 Euro noch gravierende Vorteile gegenüber dem BAföG (keine Rückzahlung, ideelle Förderung, Alumni-Netz, Finanzierung von Auslands- und Forschungsaufenthalten, etc.).

Stipendienspenden

Bereits seit der ersten Ankündigung der Büchergelderhöhung haben wir uns gegen eine solche Ausweitung der Pauschalförderung engagiert. Wir, das sind Stipendiatinnen und Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes, die selbst von der Erhöhung profitierten. Wir haben unsere Büchergelderhöhung – erst 70 dann 220 Euro im Monat –an verschiedene Projekte gespendet, die mit ihrer Arbeit der Ungleichheit im Bildungssystem entgegenwirken. Es war unser Bestreben, selbst kein Teil des Problems, sondern der Lösung zu sein und zugleich ein Zeichen gegen die Förderungspolitik der Bundesregierung zu setzen. Wir haben aktiv eine Debatte um das Büchergeld und das Ziel von Begabtenförderung in den Förderwerken und in der Gesellschaft befeuert. Wir waren im Gespräch mit anderen Geförderten, mit der Leitung der Studienstiftung, mit stipendiatischen Interessenvertreterinnen und -vertretern und mit der Presse.

Was wir erreicht haben

Unser Hauptziel haben wir nicht erreicht. Die Büchergelderhöhung hat im vollen Umfang stattgefunden, wenn auch mit deutlicher Verzögerung. Dennoch freuen wir uns, dass wir eine Debatte über die soziale Bedeutung der Begabtenförderung unterstützt haben und in dieser Debatte Gehör fanden. Auch in Folge dieser Debatten hat die Studienstiftung des deutschen Volkes ein Chancenprogramm ins Leben gerufen, das unter anderem mehr soziale Durchlässigkeit im Studium und im Stipendiensystem zum Ziel hat. Weitere Förderlinien wurden eingeführt, um das soziale Engagement der Stipendiatinnen und Stipendiaten zu unterstützen. Auch das neue Leitbild der Stiftung zeigt erfreulich, dass zunehmend Wert darauf gelegt wird, nicht nur Leistung zu prämieren sondern auch gesellschaftlich positiv zu wirken.

Unsere Spenden an ArbeiterKind.de, RockYourLife und PlanMSA haben diesen Organisationen geholfen, ihre Arbeit zu verstetigen und weiter für Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem zu wirken. So schreibt zum Beispiel Jenni Struhkamp von Plan MSA: „Mit den Stipendiengeldern konnten wir in den letzten Jahren mehrere hundert Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien dabei unterstützen, den Mittleren Schulabschluss zu erreichen. Für unsere Projektentwicklung war es dabei essentiell, von euch unterstützt zu werden – ohne euer Engagement hätten wir Plan MSA wirklich nicht in dieser Form sowie in diesem Umfang realisieren und so lange durchführen können.“ Diese positiven Effekte sollen allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass die knapp 70.000 Euro Spenden, die wir seit 2011 sammeln konnten, eine kleine Summe sind verglichen mit den mehreren hundert Millionen Euro, die in dieser Zeit im Rahmen der Pauschalförderung an Stipendiatinnen und Stipendiaten der Förderwerke überwiesen wurden.

Was wir nicht erreicht haben

Wir hatten im Laufe von nunmehr fünf Jahren verschiedene Ziele und Pläne, die wir nicht oder nur teilweise verwirklichen konnten. Darunter war eine konsequente Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die angestrebte starke und regelmäßige Kommunikation in die Stiftung, die uns nur in begrenztem Maße gelungen ist. So konnten wir zwar in Zeiten hohen Medieninteresses Präsenz zeigen, haben es aber nicht geschafft die Debatte dauerhaft am Leben zu halten. Insbesondere ging die Umbenennung des Büchergeldes in Studienkostenpauschale im Sommer 2014 von den Medien weitgehend unbemerkt über die Bühne.

Die Zukunft

Die politischen Entscheidungen zum Büchergeld – jetzt „Stipendienkostenpauschale“ sind gefällt. Die meisten von uns haben ihr Studium abgeschlossen und werden deshalb selbst nicht mehr gefördert. Wir haben weder die Kapazitäten, Stipendienspenden mit der in unseren Augen notwendigen Energie weiterzuführen, noch sehen wir uns als ehemalig Geförderte in der Rolle, diese Debatte am Leben zu halten. Natürlich rufen wir weiter dazu auf, dass Stipendiatinnen und Stipendiaten das Geld, das sie von ihrem Stipendium nicht brauchen, spenden. Auch hoffen wir, dass andere Stipendiatinnen und Stipendiaten sich weiterhin für ein Fördersystem einsetzen, das Chancengleichheit fördert statt Ungleichheiten zu verstetigen. Die Initiative Stipendienspenden in ihrer jetzigen Form wird nicht weiter existieren. Wir danken allen, die mit uns im Gespräch waren, die uns unterstützt und die gespendet haben und stehen für Nachfragen zur Verfügung, insbesondere für Menschen, die den Faden da aufnehmen wollen, wo wir ihn niedergelegt haben, um sich für ein gerechteres Bildungs- und Stipendiensystem einzusetzen.

 

Unsere alte Seite:

 

Wer wir sind

Wir sind eine Initiative von StipendiatInnen der Begabtenförderungswerke. Wir halten die einkommensunabhängige Erhöhung des Büchergeldes im Zuge der Einführung des so genannten Deutschlandstipendiums für bildungs- und sozialpolitisch falsch.

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Wie eine Petition im Jahr 2010 zeigte, teilen knapp 4000 UnterzeichnerInnen diese Meinung – davon sind über die Hälfte selbst StipendiatInnen.

Aus unserer Sicht wird durch die Büchergelderhöhung die soziale Schieflage innerhalb der Begabtenförderwerke und im deutschen Bildungssystem insgesamt eher verfestigt. Angesichts der starken sozialen Selektion in der Begabtenförderung, die unter anderem eine HIS-Studie belegt hat, ist es sehr fraglich, ob das zusätzliche Geld auch wirklich Bedürftigen zukommt. Deshalb hatten wir vor dem Beschluss zur Erhöhung des Büchergelds (von 80 auf 300 Euro, inzwischen in Studienkostenpauschale umbenannt) dafür gearbeitet, dass es vor allem nach Aspekten der Bedürftigkeit vergeben wird. Diesem Ansinnen wurde politisch nicht entsprochen. Daher sehen wir es als unsere soziale Verantwortung an, dem Motto “Wer hat, dem wird gegeben” nun auf andere Weise entgegenzutreten.

Siehe auch www.stipendienkritik.de. Aus dieser Initiative, die sich gegen die Erhöhung des Büchergeldes einsetzte, ging diese Homepage hervor.

Was wir wollen

Wir möchten alle StipendiatInnen der Begabtenförderungswerke dazu auffordern, ihre erhöhte Studienkostenpauschale (früher Büchergeld) oder einen Teil davon zu spenden, insofern sie nicht zwingend zur Finanzierung von Studium und Lebenshaltung darauf angewiesen sind.

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Wir StipendiatInnen werden durch unsere jeweilige Stiftung finanziell unterstützt. Zudem werden wir etwa durch Sommerakademien oder Sprachkurse ideell gefördert. Wir sind dadurch äußerst privilegiert. Aber auch in anderer Hinsicht sind viele StipendiatInnen besser gestellt als die meisten anderen StudentInnen und SchülerInnen: Wie die HIS Studie und dieser Zeitartikel zeigen, kommt ein Großteil von uns aus bildungsbürgerlichen Elternhäusern.
Gleichzeitig haben Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen und/oder Migrationshintergrund in Deutschland äußerst schlechte Chancen, einen höheren Bildungsabschluss zu erwerben (siehe PISA; s. 30ff).

Erfreulicherweise haben in der letzten Zeit verschiedene Stiftungen Programme ins Leben gerufen, um einen fairen Zugang für alle sozialen Schichten zu Stipendien zu ermöglichen (z.B. das Chancenprogramm der Studienstiftung). Wir begrüßen diese Entwicklungen sehr. Allerdings stammten 2009 die Stipendiaten in den meisten Begabtenförderungswerken noch deutlich häufiger aus Familien, in denen der finanzielle Hintergrund sehr gut ist (s. HIS Studie). Dies hat sich in den letzten Jahren vermutlich nur geringfügig geändert.

Wir denken, dass die Förderung eines Kindes aus einer sozio-ökonomisch benachteiligten Familie bildungspolitisch und gesellschaftlich sinnvoller ist, als wenn die zusätzlichen 220 Euro Studienkostenpauschale in die Hände eines bereits stark bevorteilten Stipendiaten gelangen, der dieses Geld zur Finanzierung seines Studiums nicht unbedingt benötigt.
Wir bitten Euch als StipendiatInnen, selbst zu prüfen, ob ihr auf das zusätzliche Geld der Studienkostenpauschlae angewiesen seid. Es liegt bei Euch, über den Einsatz des Geldes zu entscheiden – ein kleiner Beitrag kann in der Masse einen großen Unterschied machen!.

Wie wir das erreichen

Mit DIR zusammen! Wähle eines der drei beschriebenen Bildungsprojekte aus, an das du deine Studienkostenpauschale oder Teile davon überweisen möchtest (spenden). Die Projekte setzen sich innerhalb Deutschlands möglichst flächendeckend für benachteiligte Gruppen ein, die nicht solche Vorteile wie wir StipendiatInnen genießen.

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Selbst wenn nur 1.000 StipendiatInnen jeweils 50 Euro im Monat spenden, wären das 50.000 Euro – eine Menge Geld, die viel bewirken kann! Und Du kannst auf direktem Wege dazu beitragen. Selbstverständlich gibt es eine ganze Reihe von Bildungsprojekten, die Unterstützung gebrauchen können. Wenn Du selbst konkrete Vorschläge hast oder anderweitig in unserer Initiative mitmachen möchtest, kannst Du einfach eine Mail schreiben.